Vor allem Frauen greifen häufig zur Tablette

Eine Kündigung, eine unglückliche Ehe, eine Scheidung - kurz: ein Lebenslauf, den man sich anders vorgestellt hatte: Die Gründe, warum zu Beruhigungstabletten gegriffen wird, sind zahlreich. Mit einem Film will die Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamenten-Missbrauchs (Züfam) über die Medikamentensucht aufklären. «Es ist eine unauffällige, stille und zugleich legale Sucht», sagte Cristina Crotti anlässlich der ersten Vorführung am Dienstag. Schätzungsweise ist jede zehnte erwachsene Person in der Schweiz tablettensüchtig, und rund dreimal so viele sind suchtgefährdet. Frauen in der zweiten Lebenshälfte sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.


Im Film «Benzo & Co» wurden daher vier Frauen als Protagonistinnen ausgewählt. Sie stammen aus verschiedenen Kulturen, aus Asien, dem Balkan, dem Nahen Osten und Deutschland. Aus ihren Perspektiven erzählen sie, wie sie von Beruhigungs- und Schlaftabletten abhängig geworden sind. Fachleute aus der Pharmazie, der Medizin und der Psychologie erläutern von unterschiedlichen Seiten die Gefahren von Medikamenten, insbesondere den Benzodiazepinen, bei denen eine Gewöhnung schon nach ein bis zwei Wochen möglich ist. Die Psychiaterin Regula Weiss macht klar, dass ein Ausstieg mit Hilfe eines Arztes geschafft werden kann. Zwei der Frauen schildern eindrücklich, wie ihnen das soziale Umfeld oder eine Arbeit beim Loskommen von den «Benzos» geholfen haben. Regisseurin Isabelle A. Cart schafft es, mit einem rasanten Schnitt in 25 Minuten vier Biografien darzustellen und über die Gefahren der trügerischen Pillen zu informieren.

In Zusammenarbeit mit der Fachstelle für interkulturelle Suchtprävention und Gesundheitsförderung ist der Film in 13 Sprachen übersetzt worden. Laut Crotti soll er in Integrationsprojekten oder beim Projekt «Femmes Tische», bei dem sich Frauen über soziale Probleme oder Erziehung unterhalten, eingesetzt werden. Gleichzeitig mit dem Film hat die Züfam eine Broschüre über die Risiken der Schlaf- und Beruhigungsmittel lanciert, die in einem Dutzend Sprachen erhältlich ist. Statistiken zur Medikamentensucht gebe es keine verlässlichen, sagt Crotti. Migrantinnen lebten oft in einem sozial, politisch und ökonomisch belasteten Umfeld, was sie zu einer gefährdeten Gruppe mache. Daher sei es notwendig, die Broschüre und den Film für alle Bevölkerungsgruppen in der Schweiz zugänglich zu machen.


Neue Zürcher Zeitung 11.06.2008 von R. Wiederkehr